Ein sehr persönlicher Corona Blog

Ein sehr persönlicher Blog. 

Zuallererst möchte ich klarstellen, dass ich und auch alle Mitarbeiter im #teamreck keine Corona-Leugner, Aluhüte oder Schwurbler sind. 

Die Gefahr ist uns bewusst, wir nehmen die Pandemie ernst und wissen um die Gefährlichkeit des Virus. Wir sind es, die tagtäglich Menschenkontakt haben und sich nicht so einfach ins Homeoffice zurück ziehen können und schon alleine deshalb sind wir sehr interessiert daran, diese Pandemie im Schach zu halten.

Wir sind bereit alles zu tun was in unserer Macht steht um die Kurve wieder abzuflachen und haben das in den letzten Monaten auch getan.


Ich spreche für die Gastronomie, denn das ist mein Fachgebiet. Ähnlich ergeht es natürlich der Hotellerie, der Veranstaltungs-, Messe- und Reisebranche, den kleinen Einzelhändlern und vielen mehr.


Die Massnahmen im Frühjahr haben wir mitgetragen und auch verstanden. Zu diesem Zeitpunkt war der Lockdown - so schmerzlich er auch für unsere Branche war - der richtige Weg. 


Nun steht der „Lockdown light“ im Raum. Ich finde, allein der Begriff zeigt wie wenig unsere Branche wert ist, in der immerhin 2,2 Mio Menschen beschäftigt sind, mehr als in der Automobilbranche.

Bei „Light“ verzichtet man auf Verzichtbares. Aber dass wir nicht systemrelevant sind haben wir 2020 ja schon gelernt und das ist auch in Ordnung, denn zum Überleben braucht es uns nun nunmal nicht.


Die letzten Monate haben wir gekämpft. 


Wir haben hunderte von Arbeitsstunden in die Erarbeitung des Hygienekonzepts, die Schulung der Mitarbeiter, den Aufbau von Plan B und C in Form von Außer Haus Essen und Onlineshop, die Einarbeitung in neue Themen wie Kurzarbeit, die Erfüllung der Vorgaben der Gästeregistrierung usw gesteckt. 


Wir haben auf 50% unserer Plätze und damit natürlich auch auf Umsatz verzichtet um Abstand zu gewährleisten, haben jede Menge Geld ausgegeben für digitale Speisekarten, Desinfektion, Trennwände etc und ein zukunftsfähiges Konzept für 2021 entwickelt, denn es ist klar dass die Pandemie dann nicht einfach vorbei sein wird. 


Wir haben Gäste weggeschickt, die sich nicht an die Vorgaben halten wollten, haben Mitarbeiter als Kontaktperson 2 (die laut Gesundheitsamt arbeiten müsse) bei Bezahlung nach Hause geschickt, haben freiwillige Tests für Mitarbeiter bezahlt und bei nötiger Kinderbetreuung zu Hause öfter mal auf die ein oder andere verzichtet. 


Wir hatten Erfolg damit - Ihr kommt und fühlt Euch laut den Rückmeldungen wohl und sicher bei uns und wir konnten durch das schöne Wetter und den teilweisen Verzicht auf unseren Urlaub respektable Umsätze erzielen.


Wir haben die im Frühjahr erhaltene Soforthilfe freiwillig und unaufgefordert bis auf den letzten Cent zurück gezahlt und konnten die Kurzarbeit auf ein paar Wochen begrenzen. 


Wir haben uns durch unseren Fleiß und unser Engagement aus den engen Vorgaben für die Überbrückungshilfe katapultiert - zum Glück, denn wir leben am liebsten vom selbst verdienten Geld und sind stolz darauf.


Und nun soll mit einem Handstreich das zweite Mal in diesem Jahr eine komplette Branche geschlossen werden, die jetzt schon mit immensen Einschränkungen wie Sperrstunde und begrenzten Kapazitäten zu kämpfen hat. 

Und nicht nur wir mit größtenteils klein- und mittelständischen, inhabergeführten Unternehmen, sondern auch unsere Zulieferer, die ebenfalls größtenteils aus diesem Segment kommen, leiden immens und sind teilweise schon am Aufgeben. 


Und warum eigentlich? Laut RKI kommen nur 2% der Infektionen aus der Gastronomie. Durch die geplante Schließung werden die Menschen nicht von Treffen abgehalten, die Zusammenkünfte werden nur in den unkontrollierbaren privaten Bereich verlagert, wo eben kein Hygienekonzept greift und keine Rückverfolgung garantiert wird. 


Nicht zu übersehen ist auch die psychologische Belastung - sowohl für den Gast, denn gesellschaftliches Leben ist für den Menschen essentiell, als auch für uns Selbständige und unsere Mitarbeiter, die mit diesem ständigen Damoklesschwert leben müssen. 


Wer soll sich denn noch für die schönste Branche der Welt entscheiden, sei es als Unternehmer, als Mitarbeiter oder Azubi, wenn die wie eine Glühbirne einfach willkürlich ausgeknipst werden kann? 

Wie sollen wir planen - Investitionen, Veranstaltungen, Personal - wenn wir nicht sicher sein können, ob wir nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr überhaupt geöffnet haben dürfen? 


Langsam beschleicht einen das Gefühl, man hätte sich im Frühjahr lieber auf Soforthilfe, Überbrückungshilfe und Kurzarbeit ausruhen sollen. Jede Mühe und jeder Tropfen Herzblut erscheint überflüssig. 


Lasst uns arbeiten! Wir haben in den letzten Monaten mehrere Tausend Gäste unter Einhaltung unseres Hygienekonzepts empfangen und registriert und hatten nicht einen einzigen Verdachtsfall - geschweige denn Corona Fall - bei uns. 


Eine ganze Branche siecht dahin. 


Erst wenn es die Vielfalt nicht mehr gibt, wenn die Konfirmation im Franchise Restaurant eines großen Möbelanbieters stattfinden muss, wenn das Catering für die Hochzeit unbezahlbar wird, wenn das Sonntagsessen mangels Plätzen 4 Wochen im Voraus reserviert werden muss, dann ist vielleicht die Pandemie immer noch nicht vorbei, aber die Massnahmen werden vielleicht mit etwas mehr Augenmaß getroffen. 


#RIPGASTRO 




27.10.2020

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Fischküche Reck @ Instagram